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Barrierefreie Web-Entwicklung – Teil 1/3

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Einfach für Alle

Barrierefreiheit (engl.: accessibility) beschreibt die Eigenschaft der Zugänglichkeit zu Gebäuden, Verkehrsmitteln, technischen Geräten und Systemen. Durch körperliche Einschränkungen wie Sehbehinderung, Blindheit, Lern- oder geistige Behinderung, motorische Einschränkungen oder Gehörlosigkeit können Barrieren im Umgang mit technischen Systemen auftreten.

Als informationstechnische Systeme sollen Websites möglichst frei von Barrieren, für alle Benutzer zugänglich sein. Der Begriff Barrierefreiheit grenzt die Zielgruppe nicht auf Menschen mit Behinderung ein. Auch das Gerät, die Internetanbindung oder der Nutzungskontext – zum Beispiel unterwegs mit einem Mobilgerät über GPRS oder Edge – können für alle Nutzer Barrieren sein. Ebenso können Umfang und Komplexität Barrieren darstellen, die bestimmte Nutzer oder Nutzungskontexte ausschließen.

Websites sollen also für alle Nutzer einfach benutzbar sein – Menschen mit und ohne Behinderung. Das Informationsportal der Aktion Mensch zur Barrierefreiheit im Web heißt daher auch treffend „Einfach für Alle„. In diesem Portal werden alle technischen und rechtlichen Aspekte der barrierefreien Web Entwicklung ausführlich erläutert.

Screen Reader

Eine zentrale Rolle bei der Optimierung für Barrierefreiheit spielt die Nutzung von Websites mit Screen Readern. Diese Software-Hilfsmittel geben den Inhalt von Anwendungen oder Websites über eine Sprachausgabe oder eine Braille-Zeile für blinde und sehbehinderte Nutzer wieder.

Wie bei Webbrowsern sind einige unterschiedliche Screen Reader verbreitet. Die Initiative Web AIM führt hierzu Umfragen unter Benutzern von Screen Readern durch, die einen Überblick über die derzeitige Nutzung von Screen Readern ermöglichen. Aus der Studie von 2012 wird deutlich, dass die Verbreitung des rund 1000 Dollar teuren Marktführers JAWS seit der letzten Umfrage 2009 von 70% auf 64% abgenommen hat, während Alternativen ohne Zusatzkosten wie NVDA (Non Visual Desktop Access, von 35% auf 43%) und Apple VoiceOver (von 20% auf 31%) zunehmend Verbreitung finden. Zweidrittel der Befragten sehen die kostenlosen Screen Reader als Alternative zu kommerziellen Produkten wie JAWS.

Javascript

Aus der Umfrage von Web AIM geht auch hervor, dass die Annahme, Javascript wäre bei der Nutzung mit Screen Readern problematisch und würde von den Benutzern deaktiviert, schon lange nicht mehr stimmt: 98,6 % der befragten Nutzer gaben an, Javascript aktiviert zu haben.
Die weite Verbreitung von Javascript wird auch in den Anforderungen der WCAG 2.0 berücksichtigt: Eine Noscript-Alternative ist nicht mehr zwingend notwendig:

„There is no longer a requirement that pages work without script or other programmatic objects.“

Mit JavaScript kann die Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit sogar deutlich verbessert werden, indem zum Beispiel eine erweiterte Tastatursteuerung implementiert wird. Im Mozilla Developer Network gibt es ein paar Beispiele und Guidelines für die Entwicklung von JavaScript Widgets, die mit der Tastatur gesteuert werden können. Allerdings gibt es bisher nur wenige Best-Practices für barrierefreie JavaScript-Anwendungen. Die Entwicklung in Bezug auf barrierefreies JavaScript hinkt HTML hinterher. Auch die WCAG 2.0 enthalten nur wenige Techniken und Beispiele für barrierefreie Webanwendungen mit Javascript.

Mobile Geräte

Blinde und Sehbehinderte nutzen selbstverständlich auch Smartphones und Tablets – vor Allem das iPhone und iPad. Bereits seit dem iPhone 3GS ist mit VoiceOver ein Screen Reader für die Touchscreen-Bedienung und die Unterstützung für tragbare Bluetooth-Braillezeilen in iOS integriert. Mit VoiceOver können Apps und Webinhalte in Safari einfach durch Berührung und Sprachausgabe erschlossen werden.

Ab Android 4 können auch Android-Smartphones und -Tablets mit den Accessibility-Features TalkBack und Explore by Touch von blinden Nutzern ähnlich wie bei iOS verwendet werden. Die Sprachausgabe für den Android Webbrowser muss separat aktiviert werden. Ebenso muss die Onscreen-Tastatur Eyes-Free-Keyboard zusätzlich installiert werden. Seit Android 4.1 werden auch externe Braille-Zeilen als Ausgabegerät unterstützt. Im Vergleich zu iOS wurde die Barrierefreiheit von Android von blinden Nutzern bisher aber eher schlechter bewertet.
Firefox für Android kann seit Firefox 17 ebenfalls mit TalkBack, Explore by Touch und Gestensteuerung verwendet werden. Im Gegensatz zum bisherigen Android Standardbrowser unterstützt Firefox auch den W3C-Standard WAI-ARIA für Barrierefreie Webanwendungen.

Google entwickelt außerdem für Chrome einen eigenen Screen Reader namens ChromeVox, der WAI-ARIA unterstützt. ChromeVox ist bisher nur für ChromeOS und Chrome (Desktop) verfügbar. Eine Portierung auf Android wurde zwar bereits 2011 angekündigt – bis jetzt gibt es allerdings noch keine Version für Android. ChromeVox interpretiert das HTML-DOM unabhängig von Chrome selbst. Dieser Ansatz ist problematisch, weil dadurch eine weitere Implementierung des HTML-Standards entsteht – mit vielen von Browsern bereits bekannten Problemen. Andere Screen Reader nutzen stattdessen die Accessibility-Schnittstellen der Browser und Betriebssysteme, sodass das DOM nicht vom Screen Reader selbst erneut interpretiert wird.

tl;dr

Barrierefreiheit ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal von Websites, die für alle Benutzer einfach zugänglich sein sollen. Kostenlose Screen Reader werden zunehmend kommerziellen Produkten vorgezogen – der einfache Zugang zum Web muss also ohne teure Zusatzsoftware möglich sein. iPhone und iPad sind mit dem integrierten Screen Reader VoiceOver gut benutzbar, bei Android sind noch einige Barrieren zu überwinden. Javascript kann und soll gerade auch in Bezug auf Barrierefreiheit eingesetzt werden, um allen Benutzern eine möglichst einfache Bedienung zu ermöglichen.

Blogs zu Barrierefreiheit:

Einfach für Alle – Access Blog
Yahoo Accessibility Blog
Marco Zehe
Heiko Kunert – Blind PR
Accessible Culture
The Paciello Group
Googleblog accessibility
Google.com/accessibility
STC AccessAbility Special Interest Group

Barrierefreiheit auf Twitter:

@w3c_wai
@googleaccess
@yahooaccess
@webaim
@SteveFaulkner – The Paciello Group
@MarcoZehe – Mozilla Accessibility Engineer
@codepo8 – Christian Heilmann, Mozilla Developer Evangelist
@HeikoKunert – Blogger für Blind PR, Accessibility Evangelist und Geschäftsführer @BSVH,
@EinAugenschmaus – Julia Probst, Gehörlose Lippenleserin & Bloggerin
@Accessibility_M – Markus Lemcke
@stcaccess – STC AccessAbility SIG

Autor: Clemens Fiedler

Clemens ist Webdeveloper im CMS Team "The Contenters" am Standort Freiburg und interessiert sich für Frontend Themen. Sein Schwerpunkt liegt auf JavaScript, HTML, CSS und Responsive Design. Einfach gutes Frontend ist für ihn das was bei den Menschen ankommt, unabhängig von Zugang, Gerät oder Fähigkeiten.

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